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GAIA-X Als Beschleuniger Der Digitalisierung In Europa Und Weltweit – Interview Mit #cnetz-Mitglied Marco-Alexander Breit

GAIA-X als Beschleuniger der Digitalisierung in Europa und weltweit – Interview mit #cnetz-Mitglied Marco-Alexander Breit

Im #cnetz ist eine große Fülle an Experten vertreten, die wir in einer losen Gesprächsfolge zu aktuellen digitalpolitischen Themen zu Wort kommen lassen möchten. Zum Auftakt sprechen wir mit Marco-Alexander Breit, Leiter der Stabsstelle Künstliche Intelligenz im Bundesministerium für Wirtschaft und Energie und seit 2019 #cnetz-Mitglied. In seiner Rolle koordiniert er auch GAIA-X, die Schaffung eines digitalen europäischen Ökosystems auf der Basis einer souveränen Dateninfrastruktur. Das Interview führt unser #cnetz-Mitglied Philipp Bohn.

Philipp Bohn: Wann und wie ist die Idee von GAIA-X entstanden?

Marco-Alexander Breit: Das war ein längerer Prozess. Die Idee für einen starken europäischen Aufschlag im Bereich Daten und Künstlicher Intelligenz trieb uns schon seit 2017 im Bundeskanzleramt um. Im Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWi) arbeiten wir daran seit Sommer 2018, also kurz nachdem Peter Altmaier zuständiger Bundesminister wurde und ich ihm ins Ressort folgte.

Operativ verbündet haben wir uns ab Januar 2019 mit der Plattform Industrie 4.0. Im Kontext von „Industrie 4.0“, also der Digitalisierung industrieller Fertigungs- und Organisationsprozesse, kamen die Beteiligten zum Schluss, dass eine souveräne europäische Daten- und Cloudinfrastruktur ein wesentlicher Erfolgsfaktor ist. Seitdem wachsen das Projekt und die Anzahl der Kooperationspartner stetig an.

Der Name folgt unserem Ziel: Gaia als Mutter Erde der griechischen Mythologie steht für die Schaffung eines sehr vitalen und innovativen Daten-Ökosystems. „X“ kam dann mehr zufällig als Platzhalter für unterschiedliche Use Cases unserer Infrastruktur hinzu, könnte also in Zukunft für Anwendungen etwa in den Bereichen Gesundheit oder Autonomes Fahren stehen.

Philipp Bohn: Teilweise gibt es ja noch etwas Verwirrung in der öffentlichen Diskussion, ob GAIA-X nun ein Hyperscaler, ein regulatorisches Netzwerk oder was ganz anderes ist. Tatsächlich soll GAIA-X ja ein vernetztes Ökosystem digitaler Dienste kleiner und großer Anbieter sein.

Marco-Alexander Breit: Ja, GAIA-X hat die Ambition, innovative und in Teilen bereits existierende europäische Dienste in der Cloud zu vernetzen. Wir wollen eine gemeinsame, sichere Infrastruktur als Grundlage der Datenökonomie der Zukunft schaffen. Durch einen gemeinsamen regulatorischen Rahmen, einen zentralen Servicekatalog und andere Maßnahmen unterstützen wir die Bildung eines innovatives Ökosystem aus Unternehmen jeder Größe und Forschungseinrichtungen.

Philipp Bohn: Ist GAIA-X damit auch ein Treiber der Digitalisierung des öffentlichen Sektors?

Marco-Alexander Breit: Das auch. Verständnis und Anforderungen an sichere digitale Dienste sind im Einzelfall jedoch sehr speziell, etwa die Sicherheitsanforderungen für die „Bundescloud“ des federführenden Bundesinnenministeriums. Wir können uns gut vorstellen, dass bestehende staatliche Angebote zukünftig Teil unseres Ökosystems sind. Welche genau das sind, wird die Zukunft zeigen. Wir sind jedenfalls auch mit Bundesministerien und Landesregierungen in sehr konstruktiven Gesprächen.

Philipp Bohn: Wie positionieren wir uns gegenüber amerikanischen und chinesischen Hyperscalern? Gerade hat der chinesische Konzern Alibaba etwa ein Investment in Höhe von $28 Mrd. in seine Cloud-Sparte verkündet. Wer leistet dies in Europa?

Marco-Alexander Breit: Wir glauben, dass die finanziellen Investitionen und das gemeinschaftliche Innovationspotenzial einer Vielzahl einzelner Unternehmen und Forschungseinrichtungen über ganz Europa hinweg das Potenzial einzelner großer Anbieter deutlich übersteigt. Diesem Potenzial wollen wir eine gemeinsame, souveräne Grundlage bieten – fruchtbaren Boden für das Ökosystem, sozusagen.

Philipp Bohn: Welche Lehren können wir bezüglich systemkritischer Cloud- und Kommunikationsinfrastruktur schon jetzt aus der Corona-Krise ziehen?

Marco-Alexander Breit: Aus meiner Sicht zweierlei. Erstens: Auch kleine und mittlere Unternehmen wenden sich nun entschlossen der Digitalisierung zu. Sichere, datensouveräne Cloud- und Edge-Services werden daher noch wichtigere Wachstumstreiber. GAIA-X setzt genau da an. Und: Die Diskussion über die Souveränität und Unabhängigkeit braucht kluge Antworten. Nationaler Protektionismus ist keine Lösung, wir brauchen global überzeugende Antworten. Auch hier ist GAIA-X auf dem richtigen Weg.

Philipp Bohn: Welche Marketing- und PR-Maßnahmen sind geplant, um für die Idee von GAIA-X zu werben? Gerade Cloud-Dienste leben von Awareness und Branding.

Marco-Alexander Breit: Wir planen für den 4. Juni eine große Webkonferenz mit Beteiligten aus ganz Europa unter der Leitung von Peter Altmaier und seinem französischen Amtskollegen Bruno Le Maire. Dort präsentieren die Projektpartner die Fortschritte und geben einen Ausblick.

Philipp Bohn: Siehst du noch politische Hürden bei der Umsetzung? Und gibt es eine Zusammenarbeit mit internationalen Partnern außerhalb der EU?

Marco-Alexander Breit: Wir haben sehr großen Rückenwind besonders aus Deutschland und Frankreich und von immer mehr europäischen Partnern. Auch die EU-Kommission unterstützt uns. Selbst die japanischen Kollegen haben uns kontaktiert, um sich über Schnittstellen zwischen unseren Diensten zu verständigen. Die Herausforderung ist also eher, die vielfältige Unterstützung und Begeisterung aus Politik und Industrie in belastbare Organisationsformen zu gießen. Über diesen Weg informieren wir am 04. Juni.

 

Zur Person:

Marco-Alexander Breit, Jahrgang 1981, studierte Politikwissenschaft, Soziologie sowie Mittlere und Neuere Geschichte an der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg sowie Internationale Politische Ökonomie an der Katholischen Universität Leuven in Belgien. Von 2008 bis 2014 hatte er verschiedene Positionen in der Staatskanzlei des Saarlandes inne, darunter Leiter des Büros des Chefs der Staatskanzlei und Ministers für Bund, Kultur und Medien sowie ab 2011 Leiter des Büros von Ministerpräsidentin Annegret Kramp-Karrenbauer. Ab April 2014 war er als Persönlicher Referent des Chefs des Bundeskanzleramts und Bundesministers für besondere Aufgaben, Peter Altmaier, tätig. Von April 2018 bis Juli 2019 leitete Herr Breit das Referat für Grundsätze der Digitalpolitik und Koordinierung im Bundeswirtschaftsministerium (BMWi). Seit August 2019 leitet er die Stabsstelle Künstliche Intelligenz im BMWi.

 

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