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Wie wird Deutschland digital souverän? cnetz-Interview mit Henri Schmidt, MdB und IT-Unternehmer

08. Februar 2026 · 7 min Lesezeit
Wie wird Deutschland digital souverän? cnetz-Interview mit Henri Schmidt, MdB und IT-Unternehmer

Im Blog ist immer auch Platz für Gespräche mit digitalpolitischen Köpfen in der CDU und dem Umfeld. Unser Vorstandsmitglied Philipp Bohn setzt seine Interviewserie fort: Diesmal mit dem Bundestagsmitglied, Technologiemanager und Digitalpolitiker Henri Schmidt. Schwerpunkt ist unsere digitale Souveränität. Lange wurde über das Thema gesprochen, nun wird gehandelt.

cnetz: Sie sind unternehmerisch als Geschäftsführer im IT-Bereich tätig. Wie war Ihr Weg in den Bundestag?

Henri Schmidt: Mein Lebenslauf ist sehr vom Wandel geprägt. Erst war ich 12 Jahre in der Bundeswehr und bin nun seit 12 Jahren in einem IT-Unternehmen tätig. Jetzt auch noch im Bundestag. Ich habe davor schon lange Kommunalpolitik gestaltet und wurde dann gefragt, ob ich für ein Bundestagsmandat antreten wollte. Das habe ich gemacht und bin dankbar, dass ich mich intern und extern durchsetzen konnte.

cnetz: Hat Sie auch das Thema Digitalpolitik motiviert, diesen Schritt zu gehen?

Henri Schmidt: Bundestagsmitgliedern stellt sich immer die Frage, welche Kompetenzen sie in ihre politische Arbeit einbringen wollen. Für mich sind das vor allem zwei Themen: Verteidigungspolitik durch meine Offizierslaufbahn und Digitalpolitik durch meine Arbeit in der IT. Ich war viele Jahre mit Großkunden unterwegs, immer mit Themen wie Linux und Windows, Cloud Shift, Managed Services und Change Management. Schlussendlich habe ich mich für die Digitalpolitik entschieden und bin zum Beispiel Berichterstatter für NIS-2. Der Digitalausschuss wurde durch aktuelle geopolitische Ereignisse und Herausforderungen stark aufgewertet, was mich sehr freut.

cnetz: Ihr Wahlkreis liegt in Schleswig-Holstein. Das Bundesland hat ein großes Open Source-Migrationsprojekt für Email, Datenmanagement und virtuelle Zusammenarbeit in der Verwaltung gestartet und in großen Teilen umgesetzt. Die französische Regierung stellt auf eine lokal entwickelte Videoconferencing-Lösung um. Sind das Vorbilder für weitere Länder und die Bundesebene?

Henri Schmidt: Ich finde es bewundernswert, dass Schleswig-Holstein diesen Weg gegangen ist. Es gibt ja immer viel Gegenwehr. Wenns zum Schwur kommt, wird meistens doch die bekannte und etablierte Lösung genommen, an die man sich über Jahrzehnte gewöhnt hat. Aber wir sehen, dass die Verwaltungsmitarbeiter von der Entscheidung überzeugt sind und den Weg mitgehen. Sie haben das Gefühl, Teil einer guten und größeren Sache zu sein und souveräner zu werden. Und auftretende IT-Probleme werden nach und nach abgearbeitet. Das ist Routine.

cnetz: IT-Migrationen sind immer herausfordernd, egal von und zu welcher Lösung eine Organisation mit hunderten oder tausenden Nutzern wechselt. Und die meisten Herausforderungen sind lösbar.

Henri Schmidt: Das ist ein wesentlicher Punkt und sollte in der Debatte mehr berücksichtig werden.

cnetz: Schleswig-Holstein setzt an der Stelle auf Open Source. Ist Open Source immer die richtige Antwort auf proprietäre Lösungen internationaler Anbieter?

Henri Schmidt: Softwareeinkäufer stellen immer die Frage, wie man später von einem Hersteller proprietärer Software wieder wegkommt. Die Frage ist bei Open Source immer einfacher zu beantworten, da ich vollen Zugriff auf meine Daten und den Source Code der Lösung habe. Das NIS-2-Meldeportal des BSI läuft auf der Amazon Cloud. Da frage ich mich schon, warum nicht deutsche Hoster zum Zuge kommen. Aber am Ende geht es nicht darum, 100% autark zu sein, sondern Verhandlungsmasse aufzubauen. Wenn du mich abschaltest, schalte ich dich ab. Oder nutze eben eine alternative Lösung. Wichtig ist der richtige Mix und ein stärkeres „Buy European“-Mindset.

cnetz: Eine gängige Kritik ist, dass lokal entwickelte Lösungen zu wenig Funktionen haben, nicht skalieren und kaum in bestehende Prozesse integrieren. Außerdem sind sie zu teuer. Ist die Besorgnis berechtigt?

Henri Schmidt: Schleswig-Holstein hat die Lizenzkosten um 20% reduziert. Kosten sind also kein Problem. Funktionsparität ist auch meistens gegeben. Integrationen in die vorhandenen Tools sind tatsächlich ein Thema, bei dem die Anbieter mehr investieren müssen. Auch das ist mit dem richtigen Fokus machbar.

cnetz: Globale Hyperscaler werben mit lokal betriebenen Rechenzentren, die technologisch, organisatorisch und rechtlich vom Mutterkonzern getrennt sein sollen. Gerade hat Amazon ein Rechenzentrum in Brandenburg für deutsche und europäische Kunden in Betrieb genommen. Schafft das digitale Souveränität?

Henri Schmidt: Bei amerikanischen Cloud-Diensten gibt es unterschiedliche Level der Souveränität und einige Anbieter schneiden besser ab als andere. Aber nie auf dem Niveau lokaler Anbieter. Wenn mal ein Sicherheitsupdate aus den USA nicht kommen sollte, haben wir ein Problem. Aus der Abhängigkeit von amerikanischer Technologie in vielen Bereichen löst sich Deutschland mit US-Produkten nicht. Echte Souveränität gibt es nur mit leistungsfähigen deutsch-europäischen Alternativen.

cnetz: Haben wir uns die letzten Jahre zu sehr von einem „Souveränitätstheater“ rund um lokale Rechenzentren einwickeln lassen und damit wichtige Entscheidungen und Investitionen in unsere eigene Wettbewerbsfähigkeit und Sicherheit verschoben und verhindert?

Henri Schmidt: Das ist genau der Punkt. Wie in vielen Lebensbereichen haben wir uns mit dem Status Quo wohlgefühlt. Die KI-Software Palantir ist auch so ein Beispiel, etwa beim Einsatz in der Polizeiarbeit. Das Thema wird seit Jahren diskutiert. Wir sollten stattdessen eigene Alternativen aufbauen. Technologisch ist das keine Rocket Science. Die Daten haben wir und international erfolgreiche Daten- und Process-Miner wie Celonis aus München könnten ihre KI-Plattformen mit sicherheitspolitischem Know-how und Zugang weiterentwickeln.

cnetz: Was ist aus Ihrer Sicht die geopolitische Relevanz digitaler Technologie?

Henri Schmidt: In Bereichen wie Energieversorgung und Technologie haben wir jahrzehntelang von der amerikanischen „Friedensdividende“ gelebt. Wir konnten so etwa unser Sozialsystem ausbauen, aber sind geopolitisch abhängig geworden. Die amerikanische Außen- und Handelspolitik war jetzt ein Warnschuss. Oder auch das Abschalten des Email-Systems eines Richters am Internationalen Gerichtshof in Den Haag. Hier findet jetzt ein Umdenken statt.

cnetz: In einem Gastbeitrag für den Economist schreibt SAP CEO Christian Klein, dass es bei KI gar nicht darauf ankommt, wo die Technologie entwickelt wird, sondern wie sie angewendet wird. Braucht Europa eigene große KI-Modelle wie Mistral oder schaffen wir Wachstum, indem wir KI für industrielle Prozesse, in der Verwaltung, im Gesundheitswesen, etc. anwenden?

Henri Schmidt: Eine gewisse externe Abhängigkeit von KI-Modellen halte ich für weniger problematisch als etwa in Bereichen wie Cloud oder Cybersecurity. Wenns im KI-Betrieb mal knallt oder das Update zu spät kommt, wirft mich das als Verwaltung oder Unternehmen nicht sofort zurück. Ich habe Zeit zu reagieren. Fällt etwa der Sicherheitsdienst Cloudflare aus, ist das ganze Internet tot. Fällt die KI aus, ist das kein existenzielles Problem. In Europa sollten wir kleine spezialisierte Sprachmodelle entwickeln. Die gibts zum Beispiel vom Fraunhofer Institut und werden für bestimmte Anwendungsfälle oder Industrien trainiert. Große europäische Sprachmodelle wie Mistral hängen leider deutlich hinter ChatGPT oder Claude zurück.

cnetz: Die CDU-geführte Bundesregierung hat zum ersten Mal ein Digitalministerium geschaffen, wofür wir uns als Cnetz auch eingesetzt haben. Was wird am Ende der Legislaturperiode der größte Erfolg des Ministeriums sein?

Henri Schmidt: Zunächst mal ist es fantastisch, dass am Kabinettstisch jetzt jemand sitzt, der für Digitalisierung und Staatsmodernisierung verantwortlich ist. Früher war das ein Nebenjob, jetzt haben wir einen großen Hebel und eine Liste von 300 konkreten Maßnahmen. Drei Projekte stechen für mich besonders heraus. Das EUDI-Wallet zur digitalen Ausweisung und rechtsgültigen Vertragsunterzeichnung. Das Noots-System zur Modernisierung und Integration von allen 50 Registern ermöglicht wirkliches „Once Only“ in der Verwaltung. Und schließlich der Deutschland-Stack, der jetzt definiert und lauffähig gemacht werden muss. Wenn wir die Projekte jetzt gut und zügig umsetzen, wird der digitale Staat für die alle Bürger*innen wirklich erlebbar.

cnetz: Wo steht Deutschland in zehn Jahren hinsichtlich digitaler Souveränität?

Henri Schmidt: Wir werden deutliche Fortschritte sehen. Wir werden sicherlich nicht vollständig auf eigene Lösungen umgestellt haben, aber mit jedem Stein, der umfällt, gehts in die richtige Richtung. Und die Lage ist vielleicht gar nicht so dramatisch, wie es sich gerade anfühlt. Europa hat strategische Assets in der Halbleiterfertigung, Medizintechnologie, beim Quantencomputing oder der Fusionsenergie.

Insgesamt sollte Deutschland mehr Schleswig-Holstein wagen.

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Henri Schmidt wurde am 7. Mai 1983 in Luckenwalde, Brandenburg, geboren und vertritt als direkt gewählter Abgeordneter der CDU seit 2025 den schleswig-holsteinischen Wahlkreis Herzogtum Lauenburg – Stormarn-Süd im Deutschen Bundestag. Nach einer zwölfjährigen Offizierslaufbahn in der Luftwaffe wechselte der Diplom-Politologe und Diplom-Kaufmann (FH) in die Wirtschaft und war vor seinem Mandat in leitenden Positionen in der IT-Branche tätig, unter anderem als Senior Director beim HR-Software-Unternehmen ADP sowie zuletzt als Geschäftsführer beim IT-Dienstleister CONVOTIS. Seine parlamentarische Arbeit konzentriert sich auf die Digitalpolitik, Staatsmodernisierung und Wirtschaft, wobei er als ordentliches Mitglied im Ausschuss für Digitales sowie als stellvertretendes Mitglied im Verteidigungsausschuss tätig ist.

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