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Eine digitale Gründerzeit? Die deutsche Wirtschaft zwischen Schrumpfen und Strukturwandel

28. September 2026 · 10 min Lesezeit
Eine digitale Gründerzeit? Die deutsche Wirtschaft zwischen Schrumpfen und Strukturwandel

Philipp Bohn (cnetz): Sie beschreiben in dem Buch "Dreihundert Männer“ ein System, das über ein Jahrhundert funktionierte, weil wesentliche Bestandteile ineinandergriffen haben: Banken und Versicherungen hielten langfristige Beteiligungen, Ingenieure führten Unternehmen und die Sozialpartnerschaft sorgte für stabile Beziehungen zwischen Arbeitnehmern und - gebern. Dieses Geflecht hat die deutsche Wirtschaft vor fremdem Einfluss geschützt und war lange ein Wachstumsmotor.

Konstantin Richter: „Dreihundert Männer" ist eine Kulturgeschichte des typisch deutschen Unternehmens und die wirtschaftliche Verflechtung über Aktienpakete war ein wesentliches Merkmal. Die sogenannte Deutschland AG geriet unter anderem unter Druck, weil sich die Kapitalmärkte zunehmend internationalisierten. In New York und London entstanden mächtige Finanzzentren, die in andere Volkswirtschaften hineinwirkten.

Philipp Bohn (cnetz): An der Stelle hat sich System also aufgelöst.

Konstantin Richter: Für die deutschen Großbanken stellte sich die Frage, ob ihre Ressourcen in den langfristigen Beteiligungen an deutschen Industriekonzernen noch gut angelegt waren. Sie begannen, ihre Beteiligungen abzubauen und ins angelsächsische Investmentbanking zu investieren. Das eigentliche Ende der sogenannten Deutschland AG kam schließlich mit der Steuerreform im Jahr 2000. Die rotgrüne Bundesregierung ermöglichte den Unternehmen, ihre verbliebenen Anteile steuerfrei abzustoßen – und das taten sie dann auch.

Philipp Bohn (cnetz): Sie treffen eine wichtige Unterscheidung: Die großen deutschen Unternehmen lebten nach der Gründerzeit vor allem von inkrementeller Innovation, also der Fortentwicklung bestehender Technologien. Software und Plattformökonomie verlangen aber das Entwickeln und Besetzen neuer Kategorien, also disruptive Innovation. War das ein Grund für Deutschlands digitales Scheitern?

Konstantin Richter: Das ist sicherlich ein Grund – und es lohnt sich hier, ein bisschen weiter zurückzuschauen: in die Jahrzehnte nach dem Krieg, als in den USA die Grundlagen für den Aufstieg der High-Tech-Industrie gelegt wurden. Einige deutsche Unternehmen, die im Feld der sogenannten Büromaschinen tätig waren, kamen aus der Feinmechanik und taten sich schwer mit dem Schritt zu den Computern. Andere, die vielleicht die technischen Fähigkeiten hatten, waren nicht ausreichend finanziert, um mit dem Wandel mitzuhalten. Und als die Innovationsdynamik immer stärker wurde, traute man in Deutschland vor allem einer Firma zu, zum europäischen High-Tech-Champion zu werden. Das war Siemens. Aber Siemens war ein breit diversifiziertes Unternehmen, das viele andere Geschäftsfelder hatte und es sich nicht leisten konnte oder wollte, alles auf die neuen Zukunftstechnologien zu setzen. Mit anderen Worten: Die deutschen Firmen waren entweder zu langsam, zu unterfinanziert oder zu risikoscheu, um mit den Amerikanern Schritt zu halten.

Philipp Bohn (cnetz): Vor über fünfzig Jahren haben fünf IBM-Mitarbeiter das Unternehmen verlassen und in Walldorf SAP gegründet, den bis heute einzigen global relevanten europäischen Softwarekonzern. War das eine Anomalie oder warum ist eine solche Gründung in Deutschland nur dieses eine Mal geglückt?

Konstantin Richter: Ja, das war eine Anomalie. Die Firma wurde ja, sie Sie sagen, von den Mitarbeitern einer amerikanischen Firma gegründet. SAP stand anfangs auch gar nicht im Fokus der deutschen Wirtschaftseliten und kam ohne große institutionelle Unterstützung aus. Und die Gründer hatten Glück, weil sie in einer Umbruchphase die richtige Idee hatten: Software für Geschäftsprozesse.

Philipp Bohn (cnetz): Sie sagen, das schützende Netzwerk der Deutschland AG sei nach der Jahrtausendwende endgültig aufgelöst worden. Das ist auch der Moment, in dem amerikanische Konzerne wie Google, Amazon und Microsoft begonnen haben, die digitale Infrastruktur aufzubauen, von der wir heute sehr abhängig sind. Deutschland hat seine alte Schutzstruktur verloren, ohne eine neue Grundlage für das digitale Zeitalter zu schaffen. Wie hätte es anders laufen können? Gab es in der New Economy erste Ansätze oder war das nur ein Mitnahmeeffekt der globalen Internet-Ökonomie?

Konstantin Richter: Ich habe die deutsche New Economy als eher opportunistisch in Erinnerung, da waren viele Hochschulabsolventen, die einfach amerikanische Geschäftsmodelle im B2C-Bereich kopiert haben. Da war zum Beispiel das deutsche Ebay oder später das deutsche LinkedIn. Wichtiger wäre aber eine Digitalisierung der typisch deutschen Geschäftsmodelle gewesen. Man hätte auf die Stärken im Ingenieurswesen, in der klassischen Industrie aufbauen müssen und dort neue Firmen gründen müssen. Und die Old Economy weiterentwickeln. Die Ressourcen, die durchaus vorhanden waren, sind nicht immer richtig genutzt worden.

Philipp Bohn (cnetz): Sie beschreiben das Deutschland der 2000er Jahre als ein Land mit geborgter Zeit: billiges russisches Gas, ein riesiger chinesischer Absatzmarkt, die amerikanische Welthandels- und Sicherheitsordnung. Alle drei Faktoren gelten nicht mehr. Worauf leiht Deutschland heute, wenn es bei Cloud und Künstlicher Intelligenz fast vollständig auf amerikanische Anbieter setzt?

Konstantin Richter: Natürlich ist bedauerlich, dass die Europäer es nicht geschafft haben, eine eigene digitale Infrastruktur zu entwickeln. Darin liegt eine gefährliche Abhängigkeit. Aber in der industriellen Anwendung der Künstlichen Intelligenz bieten sich schon Chancen. Die Frage ist, ob sich die Amerikaner ihre Dominanz auch da, wo die Deutschen ihre Stärken haben, durchsetzen werden. Oder ob die amerikanischen KI-Anbieter an Grenzen stoßen, weil sie eben auch nicht alle Geschäftsfelder beherrschen können. Und natürlich gibt es auch noch die Konkurrenz aus China, die bei der KI ganz stark auf die industrielle Anwendung setzt.

Philipp Bohn (cnetz): Stellen Sie sich eine digitale Deutschland AG vor, entstanden nach der New Economy: ein Verbund aus Industrie, Kapital und Forschung, der seine Ressourcen bündelt, wie es das alte Netzwerk über Jahrzehnte konnte. Hätte ein solcher Verbund etwa ein großes KI-Sprachmodell oder eine skalierbare Cloudinfrastruktur entwickeln können? Frankreich hat mit Mistral KI gezeigt, dass es einer europäischen Mittelmacht punktuell gelingen kann. Wenn ja, was wären die wesentlichen Erfolgsfaktoren gewesen und welcher davon fehlt Deutschland bis heute am meisten?

Konstantin Richter: Der wesentliche Erfolgsfaktor, der in Deutschland fehlt, ist die Finanzierung. In Frankreich spielt der Staat – for better or for worse -- eine große Rolle, auch bei Mistral hat er zumindest unterstützend gewirkt. In Deutschland waren es traditionell die Großbanken, die bei der Finanzierung großer Industrieprojekte eine Führungsrolle übernommen haben. Heute sind die Banken weder willens noch in der Lage, sich in deutschen Wachstums- und Schlüsselindustrien ähnlich stark zu engagieren. Die Frage ist, wer diese Rolle übernehmen könnte. Wahrscheinlich bräuchte es verschiedene Stakeholder, die koordiniert zusammenwirken.

Philipp Bohn (cnetz): Wenn eine Deutschland AG für die Herausforderungen des digitalen Zeitalters zu klein ist, liegt der Gedanke einer europäischen Nachfolgerin nahe, einer Art Europa AG, die Kapital, Industrie und Forschung über Ländergrenzen hinweg bündelt und verteilt. Einge Ansätze gibt es: Das niederländische Unternehmen ASML investiert 1,3 Milliarden Euro in das französische Mistral. Ist eine solche grenzüberschreitende Koordination realistisch oder steht ist Europas Fragmentierung noch zu groß? Was müsste Europa konkret tun, damit eine Europa AG mehr ist als eine Idee oder Hoffnung?

Konstantin Richter: Zunächst einmal: Ja, stimmt, im Idealfall wäre eine Europa AG die beste Antwort auf die Herausforderungen dieser neuen Zeit. Das Problem ist, wie Sie sagen, dass die Fragmentierung immer noch zu groß ist. Selbst die europäische Kapitalmarktunion, die schon seit Jahren diskutiert wird, scheitert an nationalen Interessen, obwohl die Idee grundsätzlich für richtig befunden wird. Und ich sehe das Problem nicht bloß in der Politik, sondern auch in der Privatwirtschaft. Denn auch die Unternehmen müssten einen Sinneswandel durchmachen. Ist die italienische UniCredit als künftige Eignerin der Commerzbank bereit, die Interessen des deutschen Mittelstands wahrzunehmen? Sind die deutschen Autobauer gewillt, Fabriken in der Heimat zu schließen und Arbeitsplätze nach Ungarn oder Rumänien zu verlagern, im Wissen, dass sie dort kostenmäßig besser mit den Chinesen konkurrieren können? Ich will hier nicht für Betriebsschließungen eintreten, ich sagen nur: Eine echte Europa AG würde mit sich bringen, dass sich Unternehmen dort konzentrieren, wo sie innerhalb Europas Standortvorteile haben.

Philipp Bohn (cnetz): Sie haben die Hoffnung, dass Künstliche Intelligenz Deutschland stärken kann, wenn sie in der Tradition der Sozialpartnerschaft eingeführt wird. Also als Werkzeug für bessere Arbeit statt als Mittel zur Massenentlassung, wie manche befürchten. In Norwegen haben Arbeitnehmer formale Mitbestimmungsrechte beim Einsatz von KI und das Land hat eine der höchsten Adoptionsraten Europas. Ist das europäische Modell der Mitbestimmung ein Wettbewerbsnachteil oder ein unterschätzter Vorteil?

Konstantin Richter: Es ist leicht, die Mitbestimmung als Wettbewerbsnachteil zu sehen. Betriebsräte und Arbeitnehmervertreter in Aufsichtsräten können lästig sein und sich gegen strategisch wichtige Entscheidungen stellen. Trotzdem waren die Facharbeiter, die hochqualifizierten Stammbelegschaften ein deutscher Standortvorteil, und die Mitbestimmung gehört zu dieser Erfolgsgeschichte dazu. Vielleicht ist es Sozialromantik: Aber ich möchte glauben, dass die ökonomische Transformation durch Künstliche Intelligenz nur dann gelingen kann, wenn sich Mensch und Maschine ergänzen. Und wenn der Prozess von den Arbeitnehmern und von der Gesamtgesellschaft mitgetragen wird.

Philipp Bohn (cnetz): Bei Quantencomputing als Schlüsseltechnologie hat Europa den Anschluss nicht verloren. Das finnisch-deutsche Startup IQM liefert Quantencomputer an Forschungseinrichtungen, gewinnt Aufträge und will ausdrücklich zu Europas Souveränität beitragen. Bemerkenswert ist, dass die öffentliche Hand den Markt hier von Anfang an mitgestaltet. Die EU hat über EuroHPC sechs Quantensysteme beschafft, eines davon steht in München. Das ist eben die Beschaffungspolitik, die bei Cloud und KI bislang gefehlt hat. Ist Quantencomputing das Feld, in dem Deutschlands historische Stärke in Physik und Ingenieurwesen wieder zum Vorteil wird, statt wie bei der Software zum Nachteil?

Konstantin Richter: Deutschland ist immer schon stark in der Grundlagenforschung gewesen. Schwierig wird es dann, wenn es um die kommerzielle Umsetzung und Skalierung geht, und das Quantencomputing befindet sich in einer Frühphase, der wirtschaftliche Durchbruch steht noch aus. Es ist leider denkbar, dass die Europäer ihre Vorteile verlieren, wenn es darum geht, die Technologie im großen Stil kommerzialisierbar zu machen. Man muss sich jetzt schon überlegen, wie das zu verhindern ist.

Philipp Bohn (cnetz): Ihr Buch beginnt im Kaiserreich, in den Jahrzehnten nach 1871, als Deutschland aus dem Stand zur Industrienation wurde. Sie nennen das Kaiserreich an einer Stelle sogar eine Startup-Nation. Ich sehe Europa heute vor ähnlichen Weichenstellungen, diesmal für eine digitale Wirtschaft. Bundeskanzler Merz sagt in Davos: "Germany has gotten the message." Teilen Sie diese Zuversicht? Und was braucht es jetzt politisch, damit wir in dreißig Jahren nicht erneut schreiben, Deutschland hat in der KI-Ökonomie den entscheidenden Moment verpasst?

Konstantin Richter: Wahrscheinlich müsste man sagen: Deutschland hat kein Erkenntnisproblem, sondern ein Umsetzungsproblem. Wir wissen, dass wir in die Zukunft investieren müssen, aber nicht, wie das vonstatten gehen soll. Ich werde häufig gefragt, was sich aus der Geschichte der Deutschland AG für die Zukunft lernen lässt. Viele Menschen sehnen sich nach der vergangenen Stabilität. Die Nostalgie teile ich nicht, die deutsche Unternehmenskultur hatte, so wie sie gelebt wurde, keine Zukunft. Aber ich denke schon, dass es Dinge gibt, die man lernen kann. Wir müssen neue Netzwerke errichten, um in der KI-Ökonomie mitzuhalten. Nicht die alten Netzwerke der Hinterzimmereliten, sondern eine zeitgemäße Allianz von Unternehmen, Hochschulen, Banken, Family Offices und Privatinvestoren, unterstützt auch von der Politik. Wie das funktionieren kann, sieht man am ehesten in München, wo an den Universitäten verschiedenste Kräfte zusammenwirken, um im Deep-Tech-Bereich Gründungen voranzutreiben. Davon müsste es mehr geben in Deutschland.

Philipp Bohn (cnetz): Deutsche Startups haben im ersten Halbjahr 2026 rund 5,3 Milliarden Euro Wagniskapital eingesammelt. Das sind vierzehn Prozent mehr als im Vorjahr und der dritthöchste Halbjahreswert, der je ermittelt wurde. Das US-israelische DefenseTech-Startup Covenant will ab 2027 bei Leipzig Marschflugkörper in Serie bauen und zitiert dabei die lokal vorhandenen Fachkräfte. Und das Startup Isar Aerospace hat mit der Rakete Spectrum als erstes kommerzielles Unternehmen vom europäischen Festland aus einen Orbit erreicht. Das sind einzelne, aber teils auch spektakuläre Signale für einen digitalen Strukturwandel und die Schaffung eines neuen ökonomischen Betriebssystems. Teilen Sie diese Beobachtung und eine damit verbundene Zuversicht?

Konstantin Richter: Die Herausforderungen für einen solchen Strukturwandel sind riesig. Aber ja, ich kann mir schon vorstellen, dass wir zu sehr auf all das schauen, was schrumpft, und dabei das Neue übersehen.

Konstantin Richter, geboren 1971, ist Autor und Journalist. Er hat regelmäßig für deutsch- und englischsprachige Medien wie The Wall Street Journal, The Guardian, The New York Times oder Die Zeit geschrieben. Darüber hinaus hat er mehrere Bücher veröffentlicht. Für sein Buch Dreihundert Männer. Aufstieg und Fall der Deutschland AG wurde Richter mit dem Deutschen Sachbuchpreis 2026 ausgezeichnet.

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