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KI als geopolitisches Machtmittel: Europas Wohlstand von morgen entscheidet sich heute an der Infrastruktur

21. Juli 2026 · 7 min Lesezeit
Maximilian Negele cnetz

Die amerikanische Regierung wies den KI-Entwickler Anthropic im Juni 2026 an, Fable 5 und Mythos 5 für Nutzer außerhalb der USA zu sperren. Damit wurde erstmals ein öffentlich verfügbares Frontier-Modell auf staatliche Anordnung zurückgezogen. Maximilian Negele, Research Affiliate an der Oxford Martin AI Governance Initiative, hat den europäischen Umgang mit KI schon vorher als „Autounfall in Zeitlupe" erlebt.

Gemeinsam mit Judith Dada, zu der Zeit General Partner beim VC-Investor Visionaries Club, und weiteren Autor*innen hat er im Economist (https://www.economist.com/by-invitation/2026/06/18/how-europe-must-respond-to-americas-ai-warning-shot) drei Reformen vorgeschlagen: eine Koalition der KI-Mittelmächte, den starken Ausbau der europäischen Rechenkapazität sowie flexiblere Arbeitsmärkte.

Unser Vorstandsmitglied Philipp Bohn hat mit ihm über den schwierigsten Teil gesprochen, der sich nicht per Gesetz oder Förderprogramm lösen lässt. Welche Erzählung trägt eine gesellschaftliche Kraftanstrengung dieser Größenordnung? Negeles Antwort führt von ASML als ungenutztem Druckmittel bis zu einem Zeitalter des Überflusses, in dem Maschinen die Arbeit übernehmen und Menschen sich dem widmen, was ihnen im Leben wirklich wichtig ist.

Philipp Bohn (cnetz): Sie beschäftigen sich als Politik- und Technologieanalyst schon lange mit dem Thema KI.

Maximilian Negele: Bereits seit 2019. Bevor ich jetzt nach Europa zurückgekehrt bin, habe ich intensiv bei der RAND Corporation zu KI gearbeitet und geforscht.

Philipp Bohn (cnetz): Einer der ältesten und renommiertesten Denkfabriken in den Vereinigten Staaten.

Maximilian Negele: In den USA ist KI ein knallhartes wirtschafts- und geopolitisches Thema. KI wird zur Sicherung globaler Dominanz eingesetzt. Mit dieser amerikanischen Brille habe ich den behäbigen europäischen Umgang mit KI als Autounfall in Zeitlupe wahrgenommen.

Philipp Bohn (cnetz): In einem vielbeachteten Meinungsartikel im Economist schlagen Sie mit einigen Co-Autor*innen konkrete Reformen für Europas KI-Souveränität vor: Eine Koalition von Mittelmächten, den Ausbau eigener Rechenkapazität sowie Arbeitsmarktreformen für mehr Flexibilität. Sie fordern vor allem eine große positive Erzählung, die unsere Gesellschaft hinter diese Transformation versammelt.

Maximilian Negele: Zunächst mal meinen wir es als Autoren, Entscheider und Forschende wirklich sehr ernst. Der Einfluss dieser Technologie ist ähnlich groß wie in der industriellen Revolution des neunzehnten Jahrhunderts. Wenn nicht gar größer. KI fordert von der deutschen und europäischen Gesellschaft die ehrgeizigste politische und wirtschaftliche Transformationsagenda der Nachkriegszeit. Mit defensiven, unambitionierten und angstgetriebenen Maßnahmen oder gar einer ablehnenden Haltung werden wir keinen Erfolg haben.

Philipp Bohn (cnetz): In der deutschen Debatte um KI fehlt die geopolitische Perspektive fast völlig. Technologie ist ein geopolitisches Machtmittel.

Maximilian Negele: Das stimmt. Seit 1945 gibt es bei uns eine im Vergleich zu anderen Ländern nur schwach ausgeprägte geopolitische Denkschule und Tradition. Es gibt im Gegensatz zu den USA kaum Think Tanks und Universitäten, die sich ernsthaft mit dem Thema beschäftigen. Ein geopolitisches Bewusstsein ist aber ein wichtiges Element des großen Narrativs, das wir entwickeln müssen.

Philipp Bohn (cnetz): Vielleicht hilft es, das geopolitische Potenzial konkreter zu machen. ASML ist ein echtes geopolitisches Technologieasset unter europäischer Kontrolle. Das niederländische Unternehmen hält ein Weltmonopol auf hochspezialisierte Maschinen zur Produktion leistungsfähiger KI-Chips. Trotzdem geht Europa damit sehr zurückhaltend um. Und das in einer Zeit, in der gegenseitige Abhängigkeiten als geopolitisches Druckmittel eingesetzt werden. Ist ASML ein Beispiel dafür, dass Europa auf der Weltbühne viel zu nett ist?

Maximilian Negele: Das sehe ich auch so. Und dabei geht es um die gesamte KI-Lieferkette. Also nicht nur die Produktionsmaschinen, sondern auch lokale Rechenzentren, Chipfabriken, KI-Modelle und sonstige Infrastruktur. Unser zukünftiger Wohlstand wird im Wesentlichen davon bestimmt, welchen Anteil wir an der KI-Wertschöpfung hier in Europa mit unserem Kapital kontrollieren. Wir müssen zusammen mit unseren Freunden und Verbündeten viel selbstbewusster auftreten.

Philipp Bohn (cnetz): Also eine Allianz aus Europa und verbündeten Mittelmächten?

Maximilian Negele: Ohne die von Mittelmächten hergestellten Maschinen können keine fortgeschrittenen KI-Chips produziert werden. Das ist eine riesige Verhandlungsmasse, die wir viel zu wenig einsetzen. Dafür brauchen wir eine gemeinsame Strategie und politische Führung.

Philipp Bohn (cnetz): Und eine positive Perspektive auf das Potenzial von KI.

Maximilian Negele: Aus meiner Sicht gibt es sehr viel zu holen für Deutschland: Innovationen in der Gesundheitsversorgung mit neuen Therapien, die Entwicklung wettbewerbsfähiger Produkte oder neue Lösungsansätze für unser Demographieproblem.

Philipp Bohn (cnetz): Das ist eine Auflistung von relevanten Anwendungsfeldern, aber immer noch keine große Vision.

Maximilian Negele: Zusammen genommen werden viele kleine und größere Innovationen und Veränderungen ein menschliches Zeitalter des Überflusses durch Künstliche Intelligenz ermöglichen. Dieses Potenzial sehen die meisten Menschen nicht.

Philipp Bohn (cnetz): Wie schafft KI wirtschaftlichen Wohlstand und sogar Überfluss für die Menschen?

Maximilian Negele: In den kommenden fünf bis 20 Jahren gibt es plausible Szenarien, in denen die gesamte wirtschaftliche Wertschöpfung kognitiv über KI-Modelle und physisch durch KI-gestützte Roboter erfolgt, also nicht mehr vor allem durch menschliche Arbeitskraft. Das Wirtschaftssystem wächst dann losgelöst von der Knappheit qualifizierter menschlicher Arbeitskraft. Ein aus KI-Erträgen finanziertes bedingungsloses Grundeinkommen ist ein möglicher Verteilungsmechanismus, für dessen Umsetzung es bei der hohen Kapitalkonzentration auf diesem Markt einen sehr starken politischen Willen geben muss.

Philipp Bohn (cnetz): Wenn Wertschöpfung von den Menschen abgekoppelt wird, brauchen wir einen ganz neuen Sozialvertrag. Bislang hat die Balance aus Kapital und Arbeit unser System im Gleichgewicht gehalten.

Maximilian Negele: Richtig. Und wir sehen jetzt schon, dass Macht und Kapital bei ganz wenigen Unternehmen, ihren Investoren und Eigentümern gebündelt ist. In der Vergangenheit hatte politisch und wirtschaftlich mal die eine, mal die andere Seite mehr Macht. Menschen konnten Revolutionen starten oder haben Gewerkschaften gegründet. In einer von KI dominierten Welt liegt die Verhandlungsmacht zu 100 Prozent beim hochkonzentrierten Kapital. Wie gehen wir damit um? Diese gesellschaftliche Debatte müssen wir jetzt führen.

Philipp Bohn (cnetz): Wir müssen also jetzt massiv in KI-Infrastruktur investieren, um zukünftig statt von menschlicher Arbeit von ihrer vollständigen Automatisierung durch KI zu profitieren. Das ist keine positive Erzählung, die Menschen anspricht und mitnimmt. Das hört sich dystopisch an.

Maximilian Negele: Zunächst mal führt in transformative KI-Szenarien kein Weg an einer grundsätzlichen Neuverhandlung unseres Sozialvertrags vorbei. Das ist einfach Realität, die wir nicht stoppen. Wenn wir keine Rechnenzentren bauen, machen das andere. Aber wenn wir uns jetzt richtig aufstellen und von der globalen KI-Wertschöpfung profitieren, steht uns ein Leben in Überfluss bevor. Maschinen erledigen unsere Arbeit und wir können uns ohne Geldsorgen kreativ entfalten. Wir leben dann von der Wertschöpfung eines vollautomatisierten Wirtschaftssystems und beschäftigen uns mit Dingen, die uns wirklich wichtig sind und arbeiten, woran wir Spaß haben. Das ist doch ein toller Ausblick, für den es sich zu kämpfen lohnt.

Philipp Bohn (cnetz): Auf dem Weg dahin brauchen wir in Deutschland mehr technologisches Selbstbewusstsein. „Ihr Deutschen, ihr könnt Software nicht wirklich gut. Software ist ein chaotisches System, ständig voller Fehler, nie perfekt, das könnt ihr Deutschen nicht!“, wollte uns Nvidia-CEO Jensen Huang auf dem Tag der Industrie 2025 ins Stammbuch schreiben.

Maximilian Negele: Wir haben in Deutschland eine merkwürdige Mischung aus Minderwertigkeits- und Überheblichkeitskomplex. Einerseits wissen wir oft alles besser, andererseits trauen wir uns gerade bei digitaler Technologie zu wenig zu.

Philipp Bohn (cnetz): Dieses Selbstbewusstsein hat uns schonmal getragen und zu einer ökonomischen Weltmacht gemacht. Ich denke an die Gründerjahre nach 1871 oder das Wirtschaftswunder nach dem zweiten Weltkrieg.

Maximilian Negele: In den Jahrzehnten hat Deutschland die ganze Welt geprägt. Wir haben uns zu einer industriellen Supermacht entwickelt, ohne Mangel an Selbstbewusstsein. Wir hatten Unternehmer wie Ferdinand Piëch, mit einer problematischen Persönlichkeit. Keiner mochte ihn. Aber er hat sich in den Kopf gesetzt, den besten Sportwagen der Welt zu bauen und das dann gemacht. Wir sind zwar noch ein reiches Land, aber ich empfinde eine gewisse Wohlstandsverwahrlosung. Wir sind nicht mehr hungrig und haben zu lange bestehende Technologien geschützt.

Philipp Bohn (cnetz): Dann fasse ich den Kern unserer großen gesellschaftlichen Erzählung mal zusammen. KI kann möglicherweise in den nächsten 20 Jahren die wirtschaftliche Wertschöpfung übernehmen und von menschlicher Arbeitskraft entkoppeln. Deutschlands künftiger Wohlstand hängt davon ab, ob wir als Teil eines Systems von Mittelmächten in Europa und weltweit von der KI-basierten Wertschöpfung profitieren. Dazu müssen wir jetzt massiv in die nötige KI-Infrastruktur investieren und diese Infrastruktur als geopolitische Verhandlungsmasse und Druckmittel verwenden. Für unsere Gesellschaft folgt dann ein Zeitalter des Überflusses ohne Geldsorgen und einem zivilisatorisch zuvor nie gekannten Maß an Selbstverwirklichung.

Maximilian Negele: Auf der Grundlage müssen wir jetzt die gesellschaftliche, wirtschaftliche und politische Debatte führen und vor allem Entscheidungen treffen. Im Draghi-Report steht das Wichtigste drin. Den Weg müssen wir weitergehen. Das bedeutet harte Entscheidungen und Wandel auch für den Einzelnen. Aber es lohnt sich.

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