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Der Groschen ist gefallen: Eine Grand Strategy für Europa als digitale Weltmacht

14. Juli 2026 · 9 min Lesezeit
Kai Zenner

cnetz-Interview mit Kai Zenner, Head of Office und Digital Policy Adviser für den Europaabgeordneten Axel Voss (EVP) im Europäischen Parlament

Kai Zenner ist Büroleiter und Digital Policy Adviser des Europaabgeordneten Axel Voss (EVP). Bevor er ins Europäische Parlament wechselte, war er als wissenschaftlicher Mitarbeiter im Brüsseler Büro der Konrad-Adenauer-Stiftung tätig.

Unser Vorstandsmitglied Philipp Bohn führt seit einigen Jahren diese Reihe digitalpolitischer Interviews fort, die wichtige Stimmen aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft zu zentralen Fragen der Digitalpolitik zusammenbringt.

Im Interview diskutiert Zenner, ob Europa auf der geopolitischen Bühne zu nett ist, warum wir ein „Airbus“ für KI brauchen und wie zentral öffentliche Beschaffung für unsere digitale Souveränität ist. Wer wissen will, wie einer der einflussreichsten Politikberater Brüssels die Lage einschätzt, findet hier die Antworten.

Philipp Bohn (cnetz): Die führenden KI-Modelle kommen aus den USA, mit Mistral haben wir einen europäischen Anbieter. Die Euro-Importe von geistigem Eigentum aus den USA liegen inzwischen bei 200 Milliarden Dollar pro Jahr. Wie würdest du die Lage aus deinem täglichen Blick aus dem Maschinenraum der europäischen Digitalpolitik beschreiben?

Kai Zenner: Die EU hat sich viel mit dem Thema Digitalisierung beschäftigt. Es gab den sehr guten Draghi-Report 2024, Junckers „Digital Single Market Strategy“ 2015, Barrosos „Digitale Agenda für Europa“ 2010 und vieles mehr. Aber die Lage der digitalen Ökonomie hat sich trotzdem verschlechtert. Wir sind zu 80% abhängig von nicht-europäischer Infrastruktur. Die Verantwortung liegt aber nicht alleine bei der Politik. Viele Unternehmen sind zu risikoavers und arbeiten nicht gut zusammen. Es ist eine toxische Mischung aus Überregulierung, hohen Energiekosten, fehlenden Talenten und Zugang zu Kapital.

Philipp Bohn (cnetz): Digitale Souveränität war lange ein Thema für Meinungsartikel, Positionspapiere und Sonntagsreden. Die Politik der aktuellen amerikanischen Regierung hat sie zum geopolitischen Faktor gemacht. Die AI Diffusion Rule kam 2025 in den letzten Tagen der Biden-Präsidentschaft, der CLOUD Act wurde 2018 veröffentlicht, die NSA-Überwachung lief unter Präsident Obama. Hat Europa dieses Strukturproblem zu lange ignoriert?

Kai Zenner: Ja, es war wirklich lange ein Thema für Sonntagsreden. Auf EU-Ebene gab es immer wieder Episoden und Aufwallungen, das Thema anzugehen, vor allem unter EU-Kommissar Thierry Breton. Jetzt hat das Thema technologische Souveränität plötzlich großes Momentum, auch in der Öffentlichkeit. Europas Abhängigkeit wurde deutlich, als die US-Regierung den KI-Entwickler Anthropic kürzlich mit einem Exportverbot für seine neuesten Modelle Fable und Mythos belegt hat. Das war ein Nachrichtenthema.

Philipp Bohn (cnetz): Du bist eng an den AI-Omnibus-Verhandlungen beteiligt, also einer grundsätzlichen Aktualisierung der europäischen AI-Gesetzgebung. Inwiefern ist die Überarbeitung des AI Acts ein Instrument für digitale Souveränität und wo siehst du die Grenzen dessen, was Regulierung in diesem Feld leisten kann?

Kai Zenner: Der AI Act und die anderen Digitalgesetze wurden zu Compliance-Maschinen, die vom Markt teilweise zurecht kritisiert wurden. Die Entscheidung, hier zu vereinfachen und zu deregulieren ist richtig, aber das hohe Tempo ist ein Problem. Statt sich wie geplant die nötige Zeit zu nehmen und Industrie, Experten und Stakeholder sauber einzubinden, ging alles überstürzt, mit hektischen Ad-hoc-Korrekturen, statt einem durchdachten Prozess. Zwei Ergebnisse sind aber doch sehr positiv und machen das Leben für Unternehmen einfacher. Und zwar die verlängerten Umsetzungsfristen für Unternehmen und die Herausnahme der KI-Maschinenregulation aus dem direkten Anwendungsbereich des AI Acts.

Philipp Bohn (cnetz): Wieso ist es vorteilhaft, dass der AI Act nicht mehr für KI-basierte Maschinen wie etwa Industrieroboter anzuwenden ist?

Kai Zenner: Bisher mussten Hersteller von KI-gestützten Maschinen zwei separate Regelwerke parallel erfüllen, mit jeweils eigenen Prüfungen, Dokumentationen und Fristen. Das hat den Aufwand vervielfältigt, ohne die Sicherheit messbar zu verbessern. Jetzt gilt vorrangig nur noch das bestehende Maschinenrecht, ergänzt um gezielte Auflagen für die KI-Komponenten.

Philipp Bohn (cnetz): Internationale Hyperscaler bieten ihre Cloud- und KI-Plattformen in Europa als souveräne, lokal betriebene Lösungen an. Diese Angebote werden teilweise als „Sovereign-Washing“ kritisiert. Sie versprechen Souveränität, bleiben im Zweifelsfall aber unter US-Jurisdiktion. Ist die EU-Regulierung an diesem Punkt präzise genug oder lässt sie zu viel Raum für Interpretation?

Kai Zenner: Die Kritik kann ich nachvollziehen. Es ist die Kehrseite des Momentums für technologische Souveränität. Wir müssen klarer und schärfer definieren, was ein europäischer Anbieter ist. Gleichzeitig müssen wir uns an der Marktrealität orientieren. Die Deutsche Telekom erwirtschaftete im Geschäftsjahr 2025 78% ihres Einkommens international, ist aber natürlich ein deutsches Unternehmen. Eine ergänzende Kenngröße ist etwa der Anteil an Forschung und Entwicklung im europäischen Heimatmarkt.

Philipp Bohn (cnetz): Die KI-Technologie-Roadmap der Bundesregierung vom Mai 2026 nennt die öffentliche Verwaltung als Ankerkunden für deutsche und europäische KI-Anwendungen. Gemessen wird dann aber nur die Anzahl entwickelter KI-basierter Verwaltungsleistungen, nicht ihre tatsächliche Beschaffung und Verwendung. Sprechen wir zu viel über Regulierung und Förderung und zu wenig über aktive Beschaffung?

Kai Zenner: Ich bin ein großer Freund von öffentlicher Beschaffung als Lenkungsinstrument mit dem Staat als Ankerkunden. Wenn große Behörden etwa Linux als Betriebssystem erfolgreich einsetzen, fällt es einem CIO deutlich leichter, sich intern auch dafür auszusprechen. In einigen deutschen Behörden ist der Messengerdienst Wire aus der Schweiz im Einsatz. Die öffentliche Beschaffung wurde lange stiefmütterlich behandelt, aber die EU-Kommission macht da jetzt viel. Der Industrial Accelerator Act und der Cloud and AI Development Act liegen als Kommissionsvorschläge vor und stärken „Made in Europe“ in der Beschaffung.

Philipp Bohn (cnetz): Du hast in einem Beitrag den Airbus-Moment als Analogie für Europas digitale Zusammenarbeit verwendet. Ich bin bei dieser Analogie skeptisch: Airbus war ein jahrzehntelanges Staatssubventionsprojekt mit einem klar abgrenzbaren Produkt und Wettbewerbsumfeld sowie hohen Eintrittsbarrieren. Im digitalen Bereich sind riesige Ökosysteme und Netzwerkeffekte wesentliche Erfolgsfaktoren, KI senkt Markteintrittsbarrieren weiter. Wo überzeugt dich die Analogie trotzdem?

Kai Zenner: Zunächst kennt jeder den Erfolg des Airbus-Konsortiums. Damit hat die Analogie schonmal öffentliche Aufmerksamkeit geschaffen. Das Airbus-Modell funktioniert auf der KI-Produktionsebene, also den Maschinen, mit denen KI-Chips hergestellt werden. Da geht weltweit nichts ohne europäische Unternehmen wie ASML in den Niederlanden, Arm in Großbritannien oder Carl Zeiss in Deutschland. Diese Unternehmen sollten wir enger zusammenarbeiten lassen und in bestimmten Bereichen Joint Ventures aufbauen. So stärken wir unser geopolitisches Gewicht und Einfluss.

Philipp Bohn (cnetz): Ist ein europäisches KI-Konsortium eine Vision oder wird daran konkret gearbeitet? Die Zeit drängt.

Kai Zenner: Meines Wissens gibt es durchaus Überlegungen. Die Apply-AI-Strategie der Kommission versucht, bestehende Initiativen in einer Reihe von Sektoren zu bündeln. Auch das Konzept der AI Gigafactories basiert auf der engen Zusammenarbeit von Unternehmen. Auf Ebene der Mitgliedstaaten versuchen vor allem die deutsche und französische Regierung, den Aufbau von KI-Konsortien zu fördern. Bisher sind die Erfolge vor allem auf europäischer Ebene überschaubar. Die Gründe sind immer dieselben: fehlende Risikobereitschaft, Dominanz nationaler Interessen und mangelndes strategisches Denken entlang der KI-Wertschöpfungskette.

Philipp Bohn (cnetz): Du hast ASML erwähnt. Das Unternehmen hat ein weltweites Monopol auf hochspezialisierte Lithographiemaschinen für die KI-Chipproduktion. Geopolitisch erleben wir eine Zeit, in der gegenseitige wirtschaftliche Abhängigkeiten zur Durchsetzung eigener Positionen eingesetzt und ausgenutzt werden. Wir tun das nicht. Ist Europa zu nett?

Kai Zenner: Europa sollte nett bleiben und nicht auf der Weltbühne poltern. Wir wollen weiter unser Wissen teilen, aber unsere Stärken bewusster und selbstbewusster einsetzen. Wer uns droht, dem können wir durchaus signalisieren, dass sich Europa nicht alles gefallen lässt und notfalls zurückschlagen kann. Keine Region der Welt kann autark bestehen. Mit mehr Realismus im Handeln würde Europa ernster genommen werden.

Philipp Bohn (cnetz): Du warst dieses Jahr beim World Economic Forum in Davos. Der kanadische Premierminister Mark Carney hat dort eine viel beachtete Rede gehalten, in der er sagte: „When we only negotiate bilaterally with a hegemon, we negotiate from weakness. This is not sovereignty. It is the performance of sovereignty while accepting subordination.“ Lässt sich das Modell gleichgesinnter Mittelmächte auch auf digitale Souveränität übertragen? Ist beispielsweise der Zusammenschluss der KI-Anbieter Cohere aus Kanada, Aleph Alpha und Reliant AI aus Deutschland ein gutes Beispiel dafür?

Kai Zenner: Ich sehe da zwei Ebenen.Die EU vertritt diese Sicht klar und betont die Bedeutung guter Beziehungen zu sogenannten Mittelmächten wie Südkorea, Taiwan, Thailand, Vietnam, Ukraine oder Brasilien. Und auch den Emiraten mit ihren souveränen Staatsfonds. Da findet viel Austausch statt und alle Länder wollen mitmachen. Aber auf der EU-Arbeitsebene gehen wir teilweise nicht mal ans Telefon, wenn unsere Freunde anrufen. Wir vermitteln zu oft den Eindruck, dass wir eigentlich niemanden brauchen. Es gibt unklare Hierarchien, Silodenken und schwache Zusammenarbeit bei Querschnittsthemen. Hier müssen wir unseren Worten Taten folgen lassen.

Philipp Bohn (cnetz): In den Gründerjahren des neunzehnten Jahrhunderts hat Deutschland in wenigen Jahrzehnten eine Industrie mit Konzernen wie BASF, Bayer oder Siemens aufgebaut. Nach dem zweiten Weltkrieg kam das Wirtschaftswunder. Ich sehe Europa vor ähnlich entscheidenden digitalen Gründerjahren. Bundeskanzler Friedrich Merz sagte in Davos „Germany has gotten the message“. Teilst du diesen Optimismus?

Kai Zenner: Es ist kompliziert. Wir sprechen von der Zeitenwende und gleichzeitig geht der Glaube an das demokratische, rechtsstaatliche System vielerorts verloren. Unser System muss schnell und konsequent auf Herausforderungen wie den demographischen Wandel oder den großen Einfluss der sozialen Medien reagieren können. Angesichts einer riesigen Komplexität der Weltlage müssen wir an unseren Entscheidungs- und Verwaltungssystemen massive Änderungen vornehmen. Alle reden seit Jahren über neue europäische Verträge, aber das scheint angesichts einer großen Uneinigkeit unrealistisch. Das stimmt mich negativ.

Andererseits wird die Notwendigkeit digitaler Souveränität immer offensichtlicher und vielleicht hilft die nächste große Krise bei der Umsetzung. Mit Covid waren Videocalls und Heimarbeit plötzlich möglich und sind jetzt Standard. Bei der technologischen Souveränität gehen wir in die richtige Richtung. Ich glaube an die Umsetzungsstärke politischer Verantwortungsträger wie etwa Digitalminister Karsten Wildberger. Ich bewundere beim neuen Digitalministerium, wie viele positive Schritte in kürzester Zeit umgesetzt wurden. Doch auch die Wirtschaft muss liefern. Die Heilbronner Schwarz Gruppe mit ihren digitalen Lösungen macht es hier vor. Ich glaube und hoffe, dass der Groschen jetzt überall gefallen ist.

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Kai Zenner ist Büroleiter und Digital Policy Adviser des Europaabgeordneten Axel Voss (EVP) im Europäischen Parlament. Er befasst sich schwerpunktmäßig mit KI- und Datenpolitik und engagiert sich darüber hinaus für die digitale Transformation der EU sowie für Prinzipien guter Regierungsführung. Zudem ist er Fellow of Practice an der Technischen Universität München (TUM), Mitglied des OECD.AI Network of Experts sowie Mitglied der AI Governance Alliance des Weltwirtschaftsforums. 2023 wurde er als bester Parlamentsassistent ausgezeichnet und belegte Platz 13 in Politicos Power 40. 2024 erhielt er den European AI Award des European AI Forum (EAIF). 2025 wurde er von Euronews als einer von 14 prägenden Köpfen der Technikpolitik aufgeführt.

Link: https://www.kaizenner.eu/

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