Technologische Souveränität ist Sicherheitspolitik: cLunch in Brüssel mit Dr. Marie-Agnes Strack-Zimmermann
Beim ersten cLunch des cnetz in Brüssel hatten wir im Europäischen Parlament die Gelegenheit, mit Dr. Marie-Agnes Strack-Zimmermann, Vorsitzende des Ausschusses für Sicherheit und Verteidigung im Europäischen Parlament, über genau diese Verschiebung zu sprechen: Dual Use, kritische Infrastruktur, technologische Abhängigkeiten und die Frage, wie Europa unter geopolitischem Druck handlungsfähig bleibt.
Die Diskussion hat eindrücklich gezeigt: Dual Use beginnt nicht erst beim militärischen Gerät. Dual Use beginnt dort, wo Software, Daten, Cloud-Infrastrukturen, KI-Modelle, Chips, Sensorik und Kommunikationsnetze sicherheitsrelevant werden.
Wer sensible Systeme baut oder betreibt, entscheidet jeden Tag auch über Abhängigkeiten: Welche Cloud? Welches Modell? Welche Hardware? Welcher Standort? Welche Lieferkette? Welche Kontrolle im Krisenfall?
Ein besonders starkes Motiv des Gesprächs war deshalb:
👉 Souveränität heißt nicht nur Zugang zu Technologie. Souveränität heißt Kontrolle über kritische Fähigkeiten und Infrastrukturen.
Das gilt für Software und KI-Modelle ebenso wie für Hardwarekomponenten, Rechenzentren, Kommunikationsnetze und physische Digitalinfrastrukturen – bis hin zu Unterseedatenkabeln, deren Verwundbarkeit in der Ostsee längst Teil der europäischen Sicherheitsrealität geworden ist.
Auch der Blick in die Ukraine macht deutlich, wie rasant sich Innovationszyklen unter Druck verändern. Dort entscheidet die Geschwindigkeit, mit der neue Technologien – wie KI-gestützte Drohnensysteme – entwickelt, angepasst und direkt eingesetzt werden, täglich über das Überleben.
Das ist keine Blaupause für unseren zivilen Markt. Aber es ist ein drastisches Warnsignal: Die Lücke zwischen der geopolitischen Bedrohungsgeschwindigkeit und der europäischen Regelungs-, Beschaffungs- und Umsetzungsgeschwindigkeit wird gefährlich groß. Während andere in Wochen rechnen, verharren wir oft in jahrelangen Prozessen.
Für das cnetz ist klar: Europäische technologische Souveränität darf nicht bei Programmen, Papieren und Panels stehen bleiben. Sie muss sich in Infrastruktur, Beschaffung, Forschung, Standardisierung, Finanzierung, Skalierung und politischer Priorisierung materialisieren.
Europa braucht weniger Silodenken zwischen Digital-, Sicherheits-, Forschungs- und Industriepolitik. Und mehr gemeinsame Handlungsfähigkeit.



