#cnetz

Reale Digitalisierung jenseits von „Mega“
Veröffentlicht am 30.03.15

Perspektiven und Herausforderungen für ein zukunftsorientiertes NRW

Jörg Müller-Lietzkow, Co-Sprecher des cnetz e.V.

Redemanuskript, 2.3.2015 in Detmold – auch als PDF-Datei vorhanden.

Der nachfolgende Perspektivtext war die Grundlage einer Rede im Rahmen einer landespolitischen Veranstaltung. Nachdem in den letzten 6 Jahren vor allem auf bundespolitischer Ebene die Themen Digitalisierung und Netzpolitik getrieben wurden, u. a. durch die Enquete-Kommission, Bundestagsausschuss, digitale Agenda und High-Tech-Strategie, sowie flankierend durch die netzpolitische Arbeit der Organisationen, Verbände und Verein wie dem cnetz, stellt sich nun die Frage, wie auf landespolitischer Ebene diesem Trend adäquat einerseits und visionär andererseits Rechnung getragen werden kann. Die nachfolgenden Überlegungen zeigen exemplarisch für das Bundesland Nordrhein-Westfalen, welche Herausforderungen seitens der etablierten Parteien angegangen werden sollten und warum eine Schlagwortmentalität nicht ausreicht. Die Chancen und Möglichkeiten für die Menschen vor Ort müssen greifbar, umsetzbar und realistisch angegangen werden. Entgegen der akademischen Kultur erlaube ich mir an vielen Stellen die „Ich-Form“. Damit soll durchaus die politische und eben nicht die akademische Note des Textes, den man auch im Sinne einer modernen inhaltlichen Streitkultur verstehen darf, betont werden. Ich hoffe und freue mich schon auf die weitere Auseinandersetzung im Diskurs um die besten Lösungen für das Bundesland NRW mit entwickeln zu können. Dabei soll und wird das cnetz vor Ort aktiv mitwirken.

1. Einleitende Gedanken: Morgens im Bad

Bevor ich Ihnen skizziere, warum die Simplifikation, die teilweise mit Schlagworten (Internet der Dinge, Industrie 4.0, Social Media) und Superlativen (wie eben „Mega“) vorgenommen wird, etwas zu kurz greift, möchte ich Sie bitten sich auf ein kleines Experiment einzulassen: Bitte schließen Sie kurz die Augen und beginnen eine Zeitreise in das Jahr 2025 mit mir. Sie stehen am Morgen auf und gehen ins Bad. Wo noch vor gut zehn Jahren ihr freundliches Konterfei Sie im Spiegel mit etwas schlaftrunkenen Augen begrüßte, erfahren Sie heute dort nicht nur die zentralen News im linken Spiegelflügel, lesen persönliche Nachrichten im rechten, sondern können sich auch noch wunschgemäß überlegen, ob Sie, die Damen, heute ein bestimmtes Make-Up mit einer bestimmten Kosmetik nutzen wollen und direkt das Ergebnis als Projektion sehen. Sie, die Herren, können überlegen, ob Sie sich heute rasieren oder eben nicht und ähnlich einer Charaktermodellierung im MMORPG Alternativen angeboten bekommen. Auch wird der „Spiegel“ nicht nur mit modernster Kameratechnik, sondern auch mit Sensoren ausgestattet sein, die im Rahmen verschiedener Analysetechniken relativ schnell erkennen wird, ob Sie ggf. zum Arzt gehen sollten. Last but not least wird die integrierte Anlage in Ihrem Bad in der Lage sein, die Duschwassertemperatur auf Sprachkommandos hin zu steuern, ihre persönliche Temperaturpräferenz einstellen. Nach Ihrem Badbesuch wird die Anlage die Lüftung zur Raumklärung einstellen. Ihre Biometrie-Daten werden in einer entsprechenden Datenbank hinterlegt und verbessern aufgrund langer Zeitreihenanalysen die Aussagekraft. Durch Ihr persönliches sprachgesteuertes Login können Sie diesen Service natürlich an jedem „Connected Mirror“ nutzen. Und für die Kids sind natürlich auch ein paar coole Bubble-Games implementiert – dann macht das Baden doppelt Spaß! Bitte öffnen Sie nun wieder die Augen und kommen zurück ins Jahr 2015. Die Möglichkeiten der Digitalisierung sind bisher nicht annähernd ausgereizt, aber ob die Firma Keuco (1) im sauerländischen Hemer nahe bei Iserlohn bisher solche Fantasien entwickelt, mag ich bezweifeln. Würde ich diese Geschichte aber jetzt in den USA beim Dinner erzählen, würden wahrscheinlich mehr als zwei der jüngeren Abgeordneten oder wissenschaftlichen Mitarbeiter den Raum fluchtartig verlassen und ggf. schon morgen erste Gespräche mit Kapitalgebern führen. Sie würden versuchen diese Vision nicht erst in zehn Jahrenwahr werden zu lassen. Übrigens: Nach meinem Kenntnisstand wird so etwas noch nicht umgesetzt – falls also jemand gehen möchte, drücke ich die Daumen.

2. Ansatz einer neuen Ordnungslogik

Diese kleine Eingangsgeschichte erzählte ich Ihnen, weil ich denke, dass wir bei dem, was wir unter Digitalisierung und Netzpolitik verstehen (2), mehr Ordnungslogik brauchen. Bisher ist es weitestgehend so, dass High-Tech Konzerne, wie die US-Riesen Google oder Apple ganz locker mit eCommerce-Lösungen aus allen Segmenten gleichgesetzt und munter vermischt werden. Das wäre noch verkraftbar, wenn nicht gleich dazu noch weitere Bereiche, eher auf Schlagwortebene, unter einem kategorialen System hinzukämen. Da wird Industrie 4.0 nicht selten mal schnell mit Facebooks Datenschutzrechtsbestimmungen getreu dem Motto: „Alles ist ja irgendwie digital“, in einen Topf geschmissen. Zu allem Überfluss befeuern dies auch noch die traditionellen Medien, die selber häufig den Anschluss verpasst haben, mit recht populistischen Berichten. Vielleicht hilft es da, wenn man einen Schritt zurückgeht und sich darüber klar wird, dass die Digitalisierung keineswegs etwas vollkommen Neues darstellt, denn diese ging einher mit der Geschichte der Informatik bzw. der Computerwissenschaft – hat also gute 100 Jahre auf dem Rücken. Spätestens die Jugendlichen der frühen 1980er Jahre wussten (und wissen) sehr genau, wie man neben digitalen Spielen auch Code schreibt und entwickelt – ohne diese Generation hätten wir in Deutschland auch keine SAP, so meine Prognose. Auch ist die Fortschreibung der Erfolgsgeschichte des Internets, hervorgegangen aus dem Apranet (3) in den 1960er Jahren des vergangenen Jahrhunderts nicht der Kern dessen, was wir heute diskutieren müssen. Es geht viel eher um die Frage, welche Lebensbereiche heute im Kontext der fortschreitenden Digitalisierung (im mobilen Internet, 2,5 Mrd. Nutzer weltweit, ca. 35 Mio. in Deutschland, AGOF 2015) Veränderungen unterworfen werden. Welche werden disruptiven Charakter, also der Idee Clayton M. Christensens folgend (4) , haben? Werden sie nicht nur wirtschaftliche sondern auch politische und gesellschaftliche Umbrüche herbeiführen und auslösen, die so stark sind, dass damit bestehende Ökosysteme hinterfragt werden (heute schon sind es ca. 32 % des Website-Traffic, Walker Sands 2014)? Damit einher geht auch die Antwort auf die Frage: Warum muss ich mich damit beschäftigen? Ganz einfach: Die Querschnittswirkung der Digitalisierung geht jeden einzelnen sowohl im beruflichen, im bildenden als auch im privaten Leben viel an, wenn man überhaupt noch eine solch veraltete kategoriale Trennung vornehmen mag. Treiber ist dabei in allen Bereichen die Informatik, wie es der Präsident der Gesellschaft für Informatik Peter Liggesmeyer am Ende des Wissenschaftsjahres zur digitalen Gesellschaft 2014 konstatierte (5). Die damit einhergehenden politischen Herausforderungen, gerade auch auf Landesebene, also nahe bei den Menschen, sind dabei nicht (nur) regulativer Art. Es geht um die aktive Gestaltung der Zukunft, zu der man eine Haltung benötigt und wobei immer der Mensch und nicht die Technologie im Mittelpunkt steht. Technologie hat eine dienende und keine dominierende Funktion. Glaubt man dem Magazin Der Spiegel vom 28.2.2015, dass die Zukunftsgläubigkeit der Silicon Valley Gemeinde, vereint im Glauben an die Überwindung von Grenzen durch Technologie das einzig wahre Mantra sei, ist es in allen Bereichen der Gesellschaft nur eine Frage der Zeit, bis bestehende Systeme zusammenbrechen. Man kann aber auch eine etwas bessere Position dazu einnehmen. Ich denke, im Kern sind es drei Begriffe die hierfür stehen: Ausgeglichenheit – Bürgerlichkeit – Gelassenheit. Dies sind auch die drei Begriffe, die wir uns als Leitbild im cnetz e. V. (6) gesetzt haben. Gemeint sind der faire Interessensausgleich von Nutzern, Anbietern und staatlichen Belangen, die Konzentration auf den Menschen im Mittelpunkt allen Denkens und der reflektierte und unverkrampfte Umgang mit den aktuellsten Entwicklungen. Darauf komme ich im weiteren Verlauf meiner Ausführungen an den entscheidenden Stellen zurück.
Lassen Sie mich aber noch einige wenige Gedanken an das Mekka der Nerds, das Silicon Valley, verlieren: Natürlich sind es die großen Plattformanbieter, wie sie Phil Simon in seinem lesenswerten Buch beschriebt (7) , die heute den Kern der Wirtschaft neu definieren. Aber es ist nicht nur die von ihm benannte „Gang of Four“ (Google, Facebook, Amazon und Apple), es sind auch Unternehmen wie Uber, Netflix und AirBNB oder andere, die in diesen in diesen Kanon aufsteigen werden. Einige andere, wie Yahoo oder Microsoft, werden auch mal wieder absteigen. Das bedeutet aber nicht, dass deshalb in Deutschland nun dieses Silicon Valley-Modell die Blaupause sein muss, selbst wenn uns Christoph Keese (8) dies in seinem gleichnamigen Werk aus dem letzten Jahr nahe legt. Wir sollten daraus aber die wichtigen Essenzen ziehen, die wir dann auch real umsetzen können – nur gute Ideen haben auch die anderen zur Genüge. Und man möge nicht als erstes das Kapitalargument anführen – etwa 1 Mrd. US-$-Finanzierung für Delivery Hero (9) zeigt, dass es auch in Deutschland genügend Kapital gibt. Man muss sich viel eher darüber klar werden, wie man mit den Potenzialen der Digitalisierung umgehen kann und will: Erstens geht es um die Ebene der Technologien, die mit digitalen Elementen verknüpft werden. Hardund Software sowie immer mehr serverbasierte Lösungen und ubiquitärerer Zugang gemäß dem erweiterten virtuellen Paradigma „Anytime-Anyplace-Anyhow“ (MüllerLietzkow 2003) mit multikonvergenten Endgeräten werden zur Grundvoraussetzung bei der Teilhabe. Zweitens geht es um die Ebene der neuen Serviceund Geschäftsmodelle im Wirtschaftssektor. Diese bauen darauf, dass die Menschen nicht nur über Preismechanismen, sondern auch durch neue, automatisierte Serviceoptionen Vorteile erlangen können. Ich nenne das die neue Überlegenheit der Informationsökonomie. Wer hat sich noch nicht einmal zuerst bei Amazon die Bewertungen anderer Kunden angeschaut? Drittens geht es um nicht weniger als um das zentrale Thema der Bildung und Wissenschaft. Die Herausforderung liegt in der Umsetzung. Ohne eine integrative Neubetrachtung der gesamten Bildungsperiode von der Grundschule bis zur Promotion, werden sicherlich die Potenziale nicht abgerufen werden können. Das Ende der 45 Minuten-Stunde als Lehr-LernParadigma ist vorgezeichnet. Man sollte nicht vergessen, dass ca. 95 % der Jugendlichen ab 12 Jahren (Bitkom 2015 (10)) ein Smarthphone und über 70 % ein Notebook besitzen. 100% sind „irgendwie“ online (GFK 2014). „Bring your own Device“ ist keine Utopie, sondern eine Chance. Was das Land bringen muss, sind nun gute Bildungsinhalte und die Fähigkeiten erhöhen. Nur ca. 8-16% können programmieren, Jungs dabei viel häufiger als Mädchen. Auch sind nur 13-22% in der Lage, Kryptografie einzusetzen. Auch bei den Recherchefähigkeiten hapert es. Alle Anstrengungen müssten allerdings auch mit einem „digitalen FitnessProgramm für die Lehrenden“ einhergehen. Viertens geht es um Daten und Metadatenstrukturen sowie deren Verfügbarkeit. Nicht selten als digitales Gold bezeichnet stellt sich die Frage, wie ein souveräner Umgang mit Daten aussehen wird. Die Frage wird sein, wie in einem fairen Interessensausgleich die permanent generierten Daten genutzt und behandelt werden können (im Schnitt sind z. B. junge Menschen ca. 200 Minuten täglich online; GFK 2015 (11)). Fünftens und letztens geht es um die Frage der politischen Souveränität, sowohl auf Europa-, Bundes-, Landesals auch kommunaler Ebene. Sicherlich äußerst komplex ist die Frage, inwiefern in einer global-vernetzten Welt territoriale Ansprüche überhaupt noch durchsetzbar sind und auch mit welcher Rechtfertigung. Die sich aus diesen Potenzialen ergebende Ordnungslogik strukturiert sich dann anhand des Datenflusses. Ein einfaches Beispiel mag Ihnen dies nahebringen. Stellen Sie sich ein Industrieunternehmen im Bergischen Land, in meiner Heimat Solingen, vor. Der weltbekannte Messerhersteller Zwilling (J. A. Henckels) kommt auf die Idee nicht nur seine Fertigung über „cyber-physische“ Systeme zu verbessern, sondern sieht im gesamten Prozess seine Chance. Die Wertschöpfungskette wird sich also nicht mehr am Produkt sondern der Datenwertkette ausrichten und überall dort, wo es Sinn macht, finden sich die neuen Angriffspunkte. Das sehen wir auch an den Beispielen des autonomen Fahrens oder zumindest der Entwicklung hin zur digitalen Straße. Wer heute (2.3.2015) die Welt aufmerksam gelesen hat, kann von Thomas Jarzombek hören:

„Das Ziel ist die digitale Straße, auch auf dem Land: Entscheidend für einen Erfolg ist auch der Ausbau der Infrastruktur. „Das digitale Auto muss mit der digitalen Straße kommunizieren können. Wir wollen nicht nur Autobahnen als Pilotprojekte mit der notwendigen Infrastruktur ausstatten, sondern auch städtische und ländliche Gebiete“, sagt Thomas Jarzombek, Sprecher für die Digitale Agenda der CDU/CSUBundestagsfraktion. Ziel sei die „digitale Straße, auf der Autos so vernetzt fahren, dass sie durch Stadt und Land gleiten, ohne jemals mehr an Ampeln bremsen zu müssen“, so Jarzombek. „Notwendig dafür ist eine konsolidierte öffentliche Dateninfrastruktur, die allgemein zugänglich ist.“ (12).

Auch hier wird entlang der Datenwertkette gedacht. Diese Wertkette ist aber nicht immer ökonomischer Natur. Schon heute können Sie im Netz eine virtuelle Tour durch das Freilichtmuseum Detmold anstreben (13). Was aber, wenn Wissen und Lernen ganz anders erfahrbar gemacht werden? Wir arbeiten derzeit mit Nachrichtentechnikern, Pädagogen, Softwareexperten und Game Designern an der Idee, innerhalb und außerhalb von Gebäuden über Navigationssysteme und Mechanismen hier neue Zugänge zu schaffen. Ziel ist es, Lernen spannender, lebensnäher zu gestalten. Die Wertkette der Daten und Informationen ist reichhaltiger als die pure Verengung auf die ökonomische Maxime der Umsatzorientierung und Gewinnmaximierung. Dazu bedarf es aber einer Betrachtung der Technologie, der Bildung, der Netzinfrastruktur, der Plattformen und Plattformanbieter und der Innovationsmotivation. Das sind große Linien und Herausforderungen der Netzpolitik, die sich auch im Land stellen. Partikulare Antworten auf diese Herausforderungen funktionieren eben nicht. Die High-Tech-Elite im Silicon Valley sucht genau diesen Ansatz und tauscht sich kontinuierlich aus, das ist ein Erfolgsschlüssel. An dieser Stelle empfehle ich nicht ohne Grund Ausgeglichenheit, Bürgerlichkeit und Gelassenheit, wie schon angedeutet, zur Handlungsmaxime zu machen, ohne dabei die Tugenden der Umsetzung von Vision mit hoher Zielstrebigkeit zu vernachlässigen. Daten sind dazu ein wesentlicher Schlüssel. Die Frage ist, ob diese nur US-Unternehmen zur Verfügung stehen sollen oder ob wir hier ein echtes Gegengewicht schaffen können, eben unter Berücksichtigung europäischer Datenschutzrechtsbestimmungen aber mit nationalen bzw. europäischen Unternehmen. Der faire Interessensausgleich, der den Menschen und seine Würde und Rechte in den Mittelpunkt stellt und analytisch-empirisch nicht ad hoc jedem Trend nachläuft, hilft den Herausforderungen positiv und wirkmächtig entgegen zu treten. Dabei sollte man ruhig dem schon Ende der 1990er-Jahre von Stan Davis und Christoph Meyer entwickelten „Prinzip Unschärfe“ Raum lassen, denn dies ist absolut innovationsförderlich. Lassen Sie mich exemplarisch auf einen Sektor eingehen, die immer wieder im Zusammenhang mit der Digitalisierung genannt wird: StartUps.

3. Ein paar Gedanken zum Thema StartUps und Intrapreneurship

Im Jahr 1999 habe ich zusammen mit zwei Partnern ein Web-Software-Unternehmen gegründet. Dieses Unternehmen, welches ich 5 Jahre mit geleitet habe, gibt es im Kern noch immer. Die Geschichte hat uns aber getrennt. Maßgeblich in der New Economy konnte man damals aber folgendes Lernen: Andy Grove hatte recht mit der Aussage, dass Technologie sich verändert, die ökonomischen Gesetze aber nicht. Derzeit herrscht wieder ein reger Hype um Start-Ups, auch in Deutschland. Dies ist grundsätzlich zu begrüßen und zu fördern, darf aber nicht zu dem Irrglauben verführen, dass dies der Weisheit letzter Schluss sei. Natürlich muss NRW ein StartUp-Bundesland sein, natürlich gilt es aber auch die Leistungsfähigkeit und Potenz der bestehenden Unternehmen an die „Jetzt-Zeit“ anzupassen. Hierzu trägt die lobenswerte Initiative des Wirtschaftsministers DWNRW personifiziert durch den Beauftragten für die Digitale Wirtschaft absolut bei und sie sollte vollumfänglich entsprechend den Planungen ausgebaut werden. Aber: Was bringt es, wenn wir 200 Start Ups mit im Schnitt 20 Mitarbeitern nach zwei bis drei Jahren haben, wenn gleichzeitig tausende Menschen arbeitslos werden – und zwar in demselben Sektor. Man denke nur an die knapp 750 Nokia-Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter vor gerade einmal zwei Jahren. Das in der Entwicklung befindliche Landesprogramm für die digitale Wirtschaft ist, StartUps betreffend, sicherlich wie betont sehr lobenswert, jenseits parteipolitischer Überlegungen. Insgesamt werden aber immer noch die Herausforderungen für die etablierten und bestehenden Unternehmen ignoriert, selbst im IKT-Sektor, der existenziell an die Digitalisierung geknüpft ist. Die landespolitische Herausforderung ist es also, mit diesen Unternehmen, und ich spreche nicht nur von den Großunternehmen und Konzernen, die StartUp-Kultur und die Digitalisierung bei unseren Mittelständlern zur Kernaufgabe derer Forschungsund Entwicklungsstrategien zu machen. Intrapreneure sind dabei ebenso gefragt, wie Entrepreneure.

4. Fünf konkrete politische Forderungen für NRW

Bevor ich Ihnen meine fünf schließenden Überlegungen zu NRW präsentiere, lassen Sie mich noch darstellen, warum Politik sich nicht im „Klein-Klein“ der Einzelmaßnahmen verlieren darf. Gerade die aktuelle Rede der amtierenden Ministerpräsidentin vom 29.1. belegt, dass viel zu häufig in Einzelerfolgen gedacht wird – eben nicht nur „Mega“ sondern eher manchmal leider auch „Mini“. Die lange Auflistung teilweise thematischer (und teilweise eher nicht zugehöriger) Erfolge ist für mich eher Ausdruck der Ideenlosigkeit, denn des notwendigen „Think Big“. Nur mal zur Information: Kalifornien hat in etwa doppelt so viele Einwohner wie NRW, aber erreicht ein etwa viermal höheres Bruttoinlandsprodukt. Das ist ein Ergebnis der digitalen Revolution. Es geht im Kontext der Digitalisierung eben darum, die Potenziale vollumfänglich zu aktivieren, wie es z. B. der überaus erfolgreiche Industrie 4.0-Cluster in Ostwestfalen-Lippe vormacht. Die politische Gestaltungsaufgabe sehe ich darin, Architekten einer Komplexität erfassenden Infrastruktur zu werden. Konkret bedarf es großer Entwürfe, die sicherlich Geld kosten, aber nachhaltig die Zukunftsfähigkeit des Landes sichern helfen. Konkret sehe ich Handlungsbedarf in folgenden Bereichen:

  • Erschließung von Fortschrittsfeldern: Schaffung politischer Rahmenbedingungen, um im Wettbewerb bestehen zu können. Damit ist aber nicht nur gemeint, ausschließlich die Wirtschaftsbrille aufzusetzen. Ich spreche auch von Akzenten, wie z. B. in den Digital Humanities, die den Kulturschatz konservieren (14) oder der Digitalisierung der politischen Prozesse, die Bürgerbedürfnisse besser bedienen helfen – also originär gesellschaftlich relevanten Themen.
  • Bildungskonzept der digitalen Gesellschaft: Aufbrechen tradierter Formate, da Bildung der Schlüssel für Alles sein wird. Hierbei müssen wir die Länderhoheit proaktiver nutzen. Man kann nun über Jahre in Pilotprojekten verharren oder man ist mutig und sieht die Erfahrungswerte europäischer Nachbarn und handelt. Es geht um Strukturverständnis und nicht Anwendungswissen. Es geht um eine lange Linie, die sich von Frontalsituation in eine „Macher-Kultur“ wendet, ohne dabei die originäre Wissensvermittlung zu ignorieren. Dazu bieten digitale Zugänge heute schon weit mehr Möglichkeiten, als ausgeschöpft werden. Die Anbieter müssen aber auch gestärkt und unterstützt werden, da ansonsten die Qualität zu gering ausfällt. Gerade in NRW gibt es an einigen Orten Experten für genau diese Themen – und zwar sowohl auf Schulals auch auf Hochschulebene und in der beruflichen Bildung.
  • Datenstrukturen: Umwandlung von Big Data zu Smart Data treiben. Daten sind einerseits immer wieder ein heikles Thema, andererseits sollte es gerade auch im Landesinteresse sein, Strukturdaten zu nutzen: Sei es im Verkehr, der Medizin(technik), der Produktion, der Dienstleistung, der öffentlichen Verwaltung so zu öffnen, dass nicht „Überwachung“, „Werbeverwertung“ und „Missbrauch“ im Mittelpunkt stehen, sondern die tatsächliche Verbesserung von Lebensqualität in freiheitlichen Bedingungen. Die Auswertungsmechanismen sind dabei der Schlüssel – Smart bedeutet eben die Rechte des Einzelnen zu achten ohne den Fortschritt zu blockieren – VDS ist dazu keine Lösung.
  • Innovationszentren: Innovationszentren gilt es in Hochschulstädten neu zu definieren. Die großen US-Plattformanbieter arbeiten alle in einer Art Campuslogik mit einem hohen Grad an Offenheit und Zugänglichkeit. Es bedarf einer solchen Kultur auch an den Hochschulstandorten. Hochschulen sollten ggf. zumindest deren eigene Innovationszentren direkt auf dem Campus mit Industrieunternehmen vermengen. Die Zeiten „isolierter Burgen“ ist vorüber. Wie in Dortmund bewiesen, befruchten sich damit TU und Umfeld signifikant.
  • Infrastruktur: Ohne Breitband und Backbones kein Fortschritt (bisher ca. 60% im Bundesschnitt; NRW ca. 65-70% in den Städten; TNS Infratest 2015 (15)). Die Unternehmen sind abhängig von schnellen Zugängen. Dabei kann es nicht mehr die Frage sein, ob Zugänge per Kabel (Glasfaser) oder „Over the Air“ (5G) geschaffen werden. Es geht um eine flächendeckende Versorgung unter Wahrung der Chancengleichheit. Hier sind es aber nicht nur die Zugänge, sondern auch die notwendigen Backbones, die Sicherungssysteme und die klassischen IT-Dienstleister, die in diese Prozesse involviert sein müssen. Sichere und nachhaltig moderne Systeme fördern Vertrauen in die Leistungsfähigkeit von Standorten.

Nicht die rein operative und einfach vermittelbare Politik ist nach heutigem Wissenstand also der Schlüssel zum Erfolg, sondern der auf Granularisierung basierende Prozess der Auflösung und somit der viel feineren und präziseren Operationsbasis führt zur Stärkung der Innovationskraft und Zukunftsfähigkeit. Die bisherigen Bemühungen verlieren sich zu oft an der Stelle, wo diese Komplexität nicht proaktiv verstanden wird. NRW braucht eine digitale Vision, die einem Bundesland mit der Wirtschaftskraft der Niederlande gerecht wird. Die Niederlande haben in den letzten Jahren bewiesen, wie man die Digitalisierung in der Gesellschaft vorantreiben und daraus sowohl wirtschaftlich wie auch gesellschaftlich Vorteile ziehen kann. Die Potenzialaktivierung liegt nicht in der Vergangenheitsbetrachtung sondern vor uns. Wir müssen lernen, diese aktiv aus der Datenwertkette zu erschließen, sprich die Dateninfrastruktur durch Smart Data-Prozesse zu verstehen und z. B. in Zukunftskonzepten der Smart City wohlstandsmehrend einzusetzen. Ich denke, Ihnen ist aufgefallen, dass ich weitestgehend auf die üblichen Verdächtigen, die „harten Daten“ über Potenziale der Wertschöpfung und üblichen Landesund Wirtschaftsfakten, verzichtet habe. Nicht ohne Grund. Die 700 Mrd.-Euro Wertschöpfungszuwachs für Deutschland in 10 Jahren, die die Ministerpräsidentin am 29.1.2015 in Ihrer Rede mit vielen Mega-Begriffen auf Basis der Prognose des CEOs von Cisco, John Chambers, in den Raum geworfen hat, zeigt wie wenig diese Daten bringen. Glaubt denn irgendjemand, dass eine solche Prognose mehr Bestand haben wird, als die Aussage in den USA wird es das 100fache davon sein? Es ist schlicht der falsche Ansatz, die Herausforderung der Digitalisierung mit einem mathematischen Rechenexempel zu verwechseln. Die Chancen und Herausforderungen allein ökonomisch zu metrisieren hat zur Folge, dass man nicht die wahre Dimension für das Bundesland NRW in Wirtschaft, Kultur und der sozialen Gemeinschaft erkennt. Es gilt vielmehr diesen neuen Reichtum als Chancen gerecht für die Menschen vor Ort in ihrer Individualität verfügbar zu machen. Vielleicht hilft hier die Perspektive von Christoph Kucklick, dem Chefredakteur von GEO, auf die granulare Gesellschaft. Er betont: „Denn mit der Detailgenauigkeit, mit der wir unsere Realität wahrnehmen, verändert sich diese Realität selbst“ (16) und wir müssen uns der Differenzder Intelligenz und der Kontroll-Revolution stellen. Aktive politische Gestaltung vor Ort scheint hier ein wichtiger Baustein von Menschen für Menschen zu sein, den auch noch so technisch ambitionierte Systeme kaum werden überwinden können. Gerade auf Landesebene gilt es nicht zuletzt aufgrund der hohen Nähe zu den Menschen, eine entsprechende vermittelnde wie auch aktiv gestaltende Rolle einzunehmen.

Links:

  1. http://www.keuco.de
  2. Interessant in dem Zusammenhang: http://www.initiatived21.de/wp-content/uploads/2014/11/141107_digitalindex_WEB_FINAL.pdf
  3. http://de.wikipedia.org/wiki/Arpanet
  4. http://www.amazon.de/Innovators-Dilemma-Unternehmen-bahnbrechende-Innovationen-ebook/dp/B0069YNVWU/ref=tmm_kin_swatch_0?_encoding=UTF8&sr=8-2&qid=1425289220
  5. http://www.deutschlandfunk.de/digitalisierung-informatik-veraendert-alle-lebensbereiche.680.de.html?dram:article_id=305036
  6. http://c-netz.de
  7. http://www.amazon.de/Age-Platform-Facebook-Redefined-Business-ebook/dp/B0064FKFH8/ref=tmm_kin_swatch_0?_encoding=UTF8&sr=8-5&qid=1425288284
  8. http://www.amazon.de/Silicon-Valley-m-chtigsten-Welt-zukommt-ebook/dp/B00KG6382A/ref=tmm_kin_swatch_0?_encoding=UTF8&sr=8-1&qid=1425288211
  9. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/lieferheld-rocket-internet-investiert-in-essenszustellung-a-1017029.html, 6.2.2015
  10. http://www.bitkom.org/files/documents/BITKOM_Studie_Jung_und_vernetzt_2014.pdf
  11. http://de.statista.com/statistik/daten/studie/168069/umfrage/taegliche-internetnutzung-durch-jugendliche/
  12. http://www.welt.de/wirtschaft/article137958214/Schon-in-fuenf-Jahren-gibt-es-das-fahrerlose-Auto.html, 2.3.2015
  13. http://www.lwl.org/LWL/Kultur/LWL-Freilichtmuseum-Detmold/wir-ueber-uns/vr/
  14. http://www.amazon.de/Digital-Humanities-Jeffrey-Schnapp-ebook/dp/B00AJYBSNU/ref=tmm_kin_swatch_0?_encoding=UTF8&sr=8-2&qid=1425288509
  15. http://de.statista.com/statistik/daten/studie/160669/umfrage/breitband-internetnutzung-in-deutschland-seit-2005/
  16. http://www.amazon.de/Die-granulare-Gesellschaft-Digitale-Wirklichkeit-ebook/dp/B00K1YDB9W/ref=tmm_kin_swatch_0?_encoding=UTF8&sr=8-1&qid=1425288419